Im Hohen Dom zu Trier: Fastenpredigt "Nur die Liebe bleibt"

Trier Dom

In der Fastenpredikt "Nur die Liebe bleibt" im Hohen Dom zu Trier werden die Kunstwerke von Monika Stein genau betrachtet und Gedanken zu diesen in einer ausführlichen Predikt zusammengetragen:

Liebe Brüder und Schwestern, hochwürdigste Herren, für die Einladung zur Fastenpredigt möchte ich mich sehr herzlich bedanken! Ich habe diese Einladung gerne angenommen. Eine Predigtausbildung habe ich nicht absolviert, daher möchte ich mit Ihnen lediglich meine Gedanken teilen. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir Ihr Gehör schenken mögen, so dass wir durch sehen und hören in einen gedanklichen Dialog kommen.

Die Künstlerin

Seit vorgestern ist der Kreuzweg mit dem Titel „Die gegenwärtige Passion“ der Künstlerin Monika Stein im Domkreuzgang zu sehen. Die in München geborene und im Chiemgau lebende Künstlerin modelliert Ihre Skulpturen in erster Linie in Beton, bearbeitet sie mit Betonbeize und Patina. Sie verbindet sie mit zeitgenössischen Gegenständen, wie einer Heckenschere, einem Auspuff oder einem Stahlhelm. Damit verfremdet sie auf ungewöhnliche Weise und leitet zu den Themen der Gegenwart über, die da sind: Klimawandel, Armut, Flucht, Gewalt und Tod.

Die Pietà (Beschreibung)

Hier vor dem Altar und auf der Postkarte in Ihrer Hand sehen wir eine Pieta. Auch diese kontrastiert stark mit dem was wir bisher kennen. Monika Stein zeigt uns Maria als im wahrsten Sinne des Wortes als „Leid-Tragende“, ihr Haupt ist geneigt, aus der rostfarbenen Höhle Ihres Schleiers blickt sie mit fast geschlossenen Augen auf Ihren Sohn. Die Gesichtszüge wirken grob, tränenverquollen und dunkel. Sie sieht ihren toten Sohn an. Aber ihre Blicke treffen sich nicht. Das Gesicht Jesu mit grün-beigen Farbtönen wirkt gequält und erschöpft. Die spaltweit geöffneten Augen blicken bereits in eine andere Welt, der Mund ist leicht geöffnet, der Körper ein Torso! Mit einem angedeuteten rechten Arm klammert er sich an den Körper seiner Mutter, diese hält ihn mit übergroßen, schweren Händen. Und da, die überdimensionierten Füße, die der Skulptur eine Basis und der fragil-balancierenden Szene einen Stand verschaffen. Für Monika Stein vereinigt der Tod zwei Aspekte: einerseits der Verlustes des Lebens und andererseits die Erlösung vom Leide. Tod und Erlösung sind eng miteinander verwoben.

Vertiefende Betrachtung der Skulptur

Ich weiß nicht wie es Ihnen im Moment geht, aber ich hatte zunächst Mühe mich mit dieser Skulptur zu beschäftigen. Sie übertraf, das was ich bisher gesehen hatte. Der Leichnam Jesu als Torso – eine weitere Tortur, eine drastische Verstümmelung, wirklich irritierend und nahezu unerträglich anzusehen. Dennoch beim längeren Betrachten spürte ich wie diese Skulptur eine ungeheure Ruhe ausstrahlt und Mitgefühl einfordert: Es ist vollbracht, die Qual hat ein Ende: der Schlusspunkt! Ende! Aus! ODER? Der intensive Blick Marias, der „Leid-Tragenden“ auf ihren Sohn, spricht von Hilflosigkeit, Innerlichkeit und von tiefer Beziehung. Was mag sie denken: Endlich ist es vorbei, endlich ist er erlöst. Das Leiden hat ein Ende. Ein Leben lang wusste sie von der besonderen Sendung ihres Sohnes, aber wusste sie auch dass es gerade so ausgehen würde? Musste es gerade so kommen, so grausam?

Passion Christi

Mir kam eine Szene aus dem umstrittenen Kinofilm „Passion Christi“ von Mel Gibson in den Sinn. (2004) Der Filmausschnitt zeigt wie Jesus das Kreuz durch die Menschenmassen nach Golgotha hinauf trägt. Die Stimmung ist aufgeheizt. Pilgermassen überfüllen die Stadt Jerusalem. Hektik und Gedränge herrschten in den engen Gassen. Die Vorbereitungen zum Pessachfest laufen auf Hochtouren. Und dann dieser politische Prozess, ein Hin und Her zwischen Juden und Römern, Verurteilung und Hinrichtung. Diese aufgeheizte Atmosphäre zeigt der Film und eine Einstellung zeigt Maria ruhig am Rande stehend. Vor ihr spielen sich tumultartige Szenen ab. Maria blickt ihren verurteilten und gefolterten und Sohn an und spricht in tiefstem Mitgefühl diesen Satz: „Herz von meinem Herzen“.

Das Herz

Ein hochemotionaler Moment: Das Herz der Mutter in engster Verbindung zu ihrem Sohn. Tragen wir nicht alle irgendwie die Herzen unserer Eltern in uns? Geben wir nicht unser Herz an unsere Kinder weiter? Situationen im Leben können zu Herzen gehen oder gar das Herz brechen. Ist das Herz nicht das eingängigste Symbol von Beziehung und Liebe? Ist nicht die Liebe das was Trauer und Tod in hoffnungsvoller Weise übersteht?

Die Realität

Szenenwechsel: 2020

Vor kurzem sprach mich eine vielgereiste Dame an und sagte zu mir: „Meinen Sie nicht, dass es an der Zeit ist, die Kruzifixe abzuhängen? Wissen Sie für Menschen aus anderen Kulturkreisen ist es nicht nachvollziehbar mit einem Gefolterten konfrontiert zu werden! Ob an Wanderwegen, in Gasthäusern, öffentlichen Gebäuden oder Denkmälern. Das ist eine Zumutung, wie soll man das in der heutigen Zeit noch erklären?“

Ich dachte bei mir: zugegeben, ein schwerer Anblick für Menschen, die nicht im christlichen Kontext aufgewachsen sind. „Wissen Sie“ sagte ich, „sehen sie das Kreuz als Ausdruck dessen an, was Menschen anderen Menschen an Leid zufügen können. Sehen Sie das Kreuz als Symbol für das, wozu der Mensch fähig ist.“ Das verstand diese Frau sofort.

Auch unsere Skulptur vermittelt die ganze Bandbreite zweier durch-kreuzter Leben. Und drückt dabei Liebe und Beziehung aus. Die rechte Arm Jesu, der fast kindlich nach der Mutter greift und ein letztes Halten des Sohnes durch Maria.

Ostern - das Leben und die Liebe bleiben!

Dabei ist das Element einer überdauernden Beziehung relevant: Der Tod Jesu ist keineswegs das Ende, er hat Heilsbedeutung und weist so voraus auf den Neuanfang. Dieser Neuanfang überhaupt ist es, den Paulus in dreien seiner Briefe (1. Thess.1,10, Gal.1,1; Röm. 4,24) in wenigen Worten ausdrückt: „Gott hat Jesus auferweckt!“ Das ist das machtvolle Durchbrechen dessen, was wir mit Naturgesetzen beschreiben! Das ist der erste Tag einer neuen Zeitrechnung. In diesem Kernsatz ist uns Hoffnung und Zukunft zugesagt. Daher ist Ostern Ausdruck von Beziehung, von Freude und Hoffnung. Die Fastenzeit hat begonnen und sicher hat der eine oder andere von Ihnen auch etwas gefunden worauf er bewusst verzichten möchte. Bleiben Sie bei Ihren Vorsätzen, aber bitte strahlen Sie in Ihrem Lächeln und in Ihren Gesten etwas von der klammheimlichen Freude auf Ostern aus. Und das möchte ich Ihnen zusprechen: Trotz allem Leide siegt das Leben! Möge die österliche Hoffnung, Freude und Zuversicht für Sie ganz persönlich spürbar werden. Das wünsche ich Ihnen!

Katharina Zey-Wortmann